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Channel: Wiedekamm Elmshorn
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Aufgelaufen: Dummheit + Überheblichkeit = Peter

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Das ist die Formel auf die sich meine seglerischen Fähigkeiten bringen lassen.

Am Sonntag Morgen (23/06/2013) wollen wir früh’ von KAUEHI aufbrechen um um 15:00 Uhr Ole vom Flughafen auf FAKARAVA abholen zu können. Der Flug nach KAUEHI hat nicht geklappt (ein Tag zu Früh), daher neuer Anlauf. Dadurch, das wir in Pass-Nähe auf KAUEHI die Nacht verbringen haben wir die Distanz auf 38 Seemeilen verkürzt. Segeln ist nicht drin – absolute Flaute, also richten wir uns auf einen Motortag ein. Erneut schade um den Diesel…aber Fahrplan ist Fahrplan.

05:30 Uhr, die Dämmerung hat gerade begonnen, aufstehen und Boot klar machen. Dingi an Deck verstauen, Anker auf gegen 06:00 Uhr. Die MAUNIE wird noch einen Tag hier bleiben um die unglaublichen Korallenbänke und die vielen bunten Fische unter Wasser erkunden zu können.

Wir winken uns noch zu (Frühaussteher!) , dann nehmen wir in einem Bogen Kurs auf den Pass. Zunächst mal weg um Ufer, schließlich sind wir in einem nicht Kartographierten Bereich von KAUEHI. Nach 15 Minuten zeigt die Wassertiefe 16-18 Meter an. Ich mache den elektrischen Autopiloten an und gehe nach unten, um den Kurs nach FAKARAVA vom PC in den Plotter zu überspielen.

Kaum sitze ich am Kartentisch  poltert, rappelt und rumst es im Boot, dann stehen wir still – die Geräusche sind eindeutig und lassen böses Ahnen!

Mit 5 Knoten Fahrt sind wir volle Kanne auf ein Riff aufgelaufen.

Durch unseren keilförmigen Langkiel sind wir richtig gut mit den ganzen 15 Metern Bootslänge auf das Riff gerauscht und liegen fest eingekeilt auf dem quasi trockenen.

Heidi reißt alle Bilgen auf um zu püfen, ob wir Wasser machen – zum Glück alles trocken.

Minuten später: Volle Kraft zurück bringt gar nichts. Das Wasser läuft um diese Uhrzeit ab, das heißt jede Minute haben wir weniger Wasser unter uns. Das wird mir sofort bewusst. Wenn wir hier jemals wieder weg kommen wollen brauchen wir fremde Hilfe…

…die MAUNIE liegt in der Nähe, wir funken sie an und Graham geht zunächst von einem sehr schlechten Scherz aus. An meiner fassungslosen, aufgeregten Stimme merkt er aber dann, das es leider bitterer Ernst ist. Ohne zu zögern bietet er Hilfe an und geht 1 Minute später Anker Auf.

Wir machen in der Zwischenzeit das Dingi wieder klar um eine Leinenverbindung zwischen den Booten herstellen zu können – schließlich muss die MAUNIE sicher außerhalb des Riffs bleiben.

Die Prozedur für das Freischleppen von aufgelaufenen Booten ist selbst mir klar: Mittels einer Leinenverbindung vom obersten Punkt des Mastes zum schleppenden Boot wird das aufgelaufene Boot soweit gekränkt (in Schieflage) gebracht das es auf der Seite liegend aufschwimmt und so den Tiefgang drastisch verringert. Auf der Seite liegend bietet das Boot ja noch mehr Auftriebsfläche und liegt so flacher im Wasser…

Die Leinenverbindung bestehend aus Spinackerfall und Verlängerung aus Ankerleine ist in Minuten hergestellt, natürlich verhakt sich das Teil mehrmals im Riff – aber mit dem Dingi bekomme ich sie schnell klar.

Die ersten Versuche sind noch zaghaft – der STORMVOGEL wird zwar etwas auf die Seite gelegt, bewegt sich nicht die Bohne. Zusätzlich Maschine und Bugstrahl bringen nichts.

Also mehr Power. Dianne steht am Bug und achtet darauf, das die MAUNIE nicht auch aufläuft, Graham am Ruder lässt die Leine etwas locker kommen und dampft dann mit 5 Knoten Fahrt im 90° Winkel zum STORMVOGEL in die Leine ein. Der STORMVOGEL legt sich diesmal richtig auf die Seite, wir haben Wasser auf dem Steuerborddeck, ganz so, als wäre sehr viel Wind.

Heidi bekommt ob der Schieflage leichte Panik, unter Deck klödert einiges durch die Gegend, die Maschine der MAUNIE qualmt ob des Vollgases und die Leine knarzt…

…aber der STROMVOGEL bewegt sich! Ungefähr 3 Meter zur Seite – dann verhindert ein größerer Korallenkopf die weitere Seitwärtsbewegung.  Egal, immerhin scheint diese Methode zu funktionieren.

Nochmal, diesmal mit leicht Achteraus gerichteter Zugkraft. Ich klettere derweil an Bord und gebe volle Machiene zurück sowie Bugstrahl. Wir drehen uns leicht um die Achse und gleiten bei extremer Schräglage sanft zurück ins tiefere Wasser.

Unglaublich! Der STORMVOGEL ist wieder frei und schwimmt!

Fix die Taucherbrille aufgesetzt und ins Wasser. Das ist neben dem Riff so tief, das man den Grund nicht sehen kann. Dafür erkenne ich gut die Kratzer vom Riff im Rumpf. Propeller und Ruder scheinen völlig intakt. Unser Schwenkkiel lugt normalerweise ein kleines Stück aus dem Schwertkasten heraus – nun ist es ganz drin. Das überpüfen wir genauer in TAHITI, wenn wir sowieso aus dem Wasser sind. Ich finde am Unterwasserschiff nur Kratzer, keine Beulen oder gar Löcher.
Graham ist auch ins Wasser gesprungen und untersucht ebenfalls den Rumpf.

Als wir im Wasser die möglichen Schäden diskutieren meint er nur lakonisch: “Das ist also der Grund, warum Du ein Metallboot fährst.”

Auch Graham findet keine ernsten Beschädigungen. Heidi vermeldet aus dem Schiffsinneren weiterhin trockene Bilgen – scheint also wirklich nochmal gut gegangen zu sein.

Mittlerweile ist es 08:30 Uhr und wir machen unseren Dampfer wieder Seeklar. Dingi an Deck, provisorisches schnelles Dankeschön an Dianne und Graham und los geht es. Diesmal laufen wir im 90° Winkel weg von der Küste in den kartographieren Bereich von KAUEHI hinein und nehmen erst dann Kurs auf den Pass.

Die MAUNIE verkrümelt sich wieder auf ihren Ankerplatz. Ich möchte nicht wissen, was die beiden gerade über mich denken…

…zum Grübeln bleibt auch keine Zeit, denn die Pass-Passage naht. Das Wasser läuft immer noch ab und wir schießen mit 10,8 Knoten durch den Pass. Also mehr als 5 Knoten Strom! Die kleinen, kurzen brechenden Wellen und die Strudel machen dem STORMVOGEL nichts aus, ich habe lediglich viel Arbeit am Ruder um den Kurs zu halten.

Der Pazifik ist platt wie ein Laken, der Kurs auf FAKARAVA gesetzt und die nächsten 25 Seemeilen bis zur Küste sind für Außenstehende völlig Ereignislos.

Aber nicht für mich. Nicht für meinen Kopf. Was zum Teufel habe ich mir dabei gedacht? Ohne Ausguck am Bug, mit fast voller Fahrt in einem von Seekarten nicht erfassten Bereich zu fahren und sogar noch das Cockpit verlassen? Das darf ja wohl nicht wahr sein!

Ich kann es nur mit Dummheit und vor allem Überheblichkeit erklären. Skipper Peter macht das schon, der hat alles im Griff…

…Pustekuchen!

Wie der letzte Depp auf ein Riff gebrettert und nur mit fremder Hilfe wieder frei gekommen. Mal wieder “fremde Hilfe” in einer brenzligen Situation.

Die MAUNIE entwickelt sich langsam zum STORMVOGEL Rettungskreuzer – kann ich wirklich nur mit diesem Backup ein Boot um die Welt führen?

So eine Scheiße!

Peter.

P.S.:
Als FAKARAVA in Sicht kommt laufen wir unter der Küste wieder in einen teilweise nicht kartographierten Bereich. Aber hier sind ab und zu Tiefenangaben von 400 bis 1.000 Meter in der Karte verzeichnet. Dennoch meint unser Lot, manchmal aus dem Nichts 15, 18 oder 9 Meter anzeigen zu müssen. Logisch kann das nicht sein, aber wir gehen weiter raus. Der Schock sitzt noch zu tief. Die Pass-Passage ist bei der Windstille und dem nun auflaufenden Wasser einfach, erneut laufen wir mit 10 Knoten durch eine Engstelle und nehmen dann Kurs auf den Ort. Wir erreichen das Ankerfeld um 14:30 Uhr, in einer halben Stunde soll Ole landen. Das Ankermanöver in 12 Meter Tiefe klappt natürlich auch nicht auf Anhieb und wir beschließen, Heidi als Ankerwache zurück zu lassen. Ich Düse mit dem Dingi mit Max-Speed über die Bucht zum Flughafen und sehe aus 500 Metern Entfernung, wie der Flieger landet. Kaum habe ich fest gemacht treffe ich auch schon Ole auf der Strasse. Hat ja dann doch noch geklappt. Just in Time.

P.S.2:
Bilder gibt es natürlich keine, alle vier anwesenden Personen waren voll an- und eingespannt. Aber die Bilder in meinem Kopf würde ich gerne los werden. Ebenso gerne wüsste ich, wie man Graham und Dianne für all diese Hilfe danken könnte.

Wenn man das Positive sucht: Keiner ist verletzt worden. Immerhin.


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